Ein Abend mit Akkordeon

Der Chor ist im Lockdown! Trotzdem sehen wir uns mittwochs um 18.30 Uhr virtuell. Nach Vorträgen zu Musiktheorie und Musikgeschichte haben wir seit neuestem Themenabende. Eine/r (oder natürlich auch mehrere) wirft ein Stöckchen, und alle tragen ihre Lieblingsmusik oder Hassmusik oder irgendwie thematisch mehr oder weniger verwandte Musik zusammen, Philipp präsentiert und der Chor klönt.

VIrtuelle Probe
Ein Bild aus deutlich weniger kontaktarmen Zeiten als Hintergrund für das virtuelle Treffen

Unser Freund, der Trompeter und Bandleader Engelbert Wengel, hat einen wunderbaren Überblick zum Thema beigesteuert. Die beigefügten Schnipsel geben noch nicht das Programm wieder!!! Es soll ja schließlich spannend bleiben! Sie sind (zumindest teilweise) eher unter visuellen als musikalischen Gesichtspunkten zusammengestellt.

In und ums Akkordeon herum …

(1) Ein Akkordeon ist das Hauptinstrument der Musette-Musik, zu der der Gr. Brockhaus 1955 nur vermerkt, um 1610 sei die Musette ein zierlicher Dudelsack1) mit einer Melodieschalmei und einer Bordunpfeife (d.h. einer Bassschalmei mit unveränderlichem Ton) gewesen, zur Zeit Ludwigs XIV habe das Wort für kurze Zeit einen Modetanz mit dudelsackartiger Begleitung bezeichnet, der dann „von der Kunstmusik in die Suite übernommen (wurde). Aus dem Tripeltakt der M. mit festliegendem Baßton [die Bordun„pfeife“ des Dudelsacks! E.W.] entwickelte die spätere Zeit den M.-Walzer, Valse à la Musette“ 2)

1) A. Baines (Lex. der Mus.-Instrumente, Metzler 1996) besteht darauf, diese Instrumentengruppe „Sackpfeifen“ zu nennen.

2) Nach Baines:4, 6 ist die etwa von 1840 bis zum 1. Weltkrieg hergestellte französische „Flutina, „das Instrument der berühmten »Musette«-Schule“, ein wechseltöniges Knopfgriff-Akkordeon (d.h. mit Knöpfen für beide Hände, wie das Baján, s. Nr.2). „Wechseltönig“ bedeutet, dass beim selben Griff verschiedene Töne erklingen, wenn der Balg zusammengedrückt bzw. auseinander gezogen wird: Für die Töne der Tonleiter muss abwechselnd gedrückt und gezogen werden.

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Flutina

(2) Vielleicht das beeindruckendste Akkordeon ist das russische Baján (wikipedia: „die osteuropäische Form des chromatischen Knopfakkordeons“), das für beide Hände Knöpfe hat, und zwar so viele (110 rechts, 120 Bassknöpfe links, wenn ich richtig zähle), dass ich einmal, als mir vor 30 Jahren ein sibirischer Virtuose (vom dortigen Staatsorchester, der hier Bettelmusik betrieb, weil nach 1990 in Russland kein Geld mehr für Kunst da war) Bachs „Toccata und Fuge in d-Moll“ vorspielte  (aber auch Stücke von russischen Komponisten, H.S.), zwar in der Lautstärke, aber nur mit Mühe in Klangfarbe oder –fülle einen Unterschied zu einer Orgel feststellen konnte.

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Bajan

(3) Baines legt Wert auf die Unterscheidung von Akkordeon und Konzertina: Beide haben „durchschlagende Zungen“ (für jeden Ton eine), die auf ihren „Stimmplatten“ aufgenietet sind, und der Klang ist für mich ganz ähnlich, aber bei der Konzertina erklingt „im Unterschied zum Akkordeon (..) pro Knopfdruck nur ein Ton und nicht ein ganzer Akkord“ (Baines:172). Die Konzertina mit ihrem 6-eckigen Kasten ist im Prinzip hervorragend geeignet fürs Training der Kommunikation zwischen den beiden Hirnhälften, denn für jeden nächsten Ton der Tonleiter muss ein Knopf mit der je anderen Hand gedrückt werden. Sie wird gern in der irischen Musik verwendet, wobei die irischen Musiker der englandfeindlichen 70er Jahre gern über dieses bösartig mühefordernde Instrument lästerten: “the only musical instrument ever invented by an Englishman“.

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Konzertina

(4) Der Musiklehrer Heinrich Band entwickelte 1846 aus der „deutschen Konzertina“ (Baines:173: „inzwischen veraltet, (…) nicht mehr gebaut“) das im Querschnitt quadratische Bandóneon mit 5 Oktaven Umfang, wechseltöniger Mechanik (s. Nr.1) und einem ungeheuer langen Balg, den die Bandoneonisten um 1920 auf Fotos gern obszön seitlich übers Knie herabhängen ließen: Es ist „das Soloinstrument des argentinischen Tango-Orchesters, das in der Regel mit zwei Bandoneons, zwei Violinen, Klavier und Kontrabaß besetzt ist“ (Baines l.c.), ursprünglich die Begleitung eines geilen Paartanzes der Unterschichten, die ab ca. 1870 großenteils mit leeren Versprechungen z.B. von Land aus Italien herübergelockt worden waren. Der Bandoneonist Astor Piazzolla (Argentinien, 1921-92) studierte Musik, begründete in den 50er Jahren den Tango Nuevo und machte den Tango beim Bürgertum salonfähig, da er (der T. Nuevo) wegen ständiger Tempowechsel schlecht tanzbar war und ist. Musiksoziologische Parallelen in der Entwicklung des Rembetiko3) von den Smyrna-Griechen zu Theodorakis wären vielleicht interessant zu erforschen.

3) Rembetiko war die – allerdings wohl akkordeonfreie – anfangs stark von der islamischen Musik geprägte Volks- und Salonmusik der ab ca. 1923 aus dem heutigen Izmir vertriebenen Griechen, die, vordem in der Türkei wohlsituiert, im Hafen Piräus/Athen gelandet waren und dort als Proleten, aus Not und Wut am Rand der Kriminalität, vegetierten.

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Bandoneon

(5) Heute wird das Akkordeon als zentrales Instrument der anspruchsvollen „Schrammel-Musik“ angesehen, die gerade am Aussterben ist. „Die Schrammeln“ waren ein 1877 gegründetes Quartett um die Geiger Johann (1850-97) und Josef (1852-95) Schrammel, das zu einem nicht geringen Teil eigene Kompositionen spielte (z.B. „Wien bleibt Wien“). Es bestand außer den beiden Geigern Schrammel aus einer Contragitarre (mit 2 Hälsen; am einen: 7 oder 8 fest chromatisch gestimmte Bass-Saiten, die wie bei einer Harfe gezupft werden) und enthielt zunächst gar kein Akkordeon, sondern eine G-Klarinette (kurz wie eine C-Blockflöte), deren hohes Register einem die Plomben aus den Zähnen zieht, aber es wurde wohl nur das tiefe Register gespielt, denn das Ding wurde „Piksüßes Hölzl“ genannt. Nach dem Tod des Hölzlspielers (bei Rückkehr von einer US-Tournee 1893) fanden sie wohl keinen Nachfolger und nahmen ein Klavier(?)-Akkordeon (=mit Klaviatur statt Knöpfen rechts) in die Gruppe auf4).

4) Das waren noch Zeiten disziplinierter Musikfreunde: Die Schrammeln spielten in Wiener Gartenwirtschaften auch für die zahlreichen Kutscher und „Wäschermädeln“, aber wenn sie anfangen wollten, klopfte der erste Geiger nur kurz mit dem Bogen ans Instrument, und dann war lauschende Ruhe. Heute braucht man eine Verstärkeranlage, weil alles weiterquatscht, wenn’s losgeht.

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Nicht die originalen Schrammeln, aber fast

(6) Das Schifferklavier im engeren Sinne ist wohl ein kleineres Klavier-Akkordeon gewesen  (Das typische Instrument zu Seemannsliedern, H.S.). Mit ähnlich wenig zum Drücken, aber beidseits mit Knöpfen ausgestattet ist das einfachere irische Akkordeon, das auch in der apulischen Tarantella-Musik verwendet wird, wo es „Organetto“ heißt. Da hat es rechts oft nur 21 Knöpfe für die Melodie und links 8 Bassknöpfe. Mehr braucht man auch nicht, denn die Tarantella ist zwar eine virtuose, aber auch melodisch simple Musik, die man mit Tamburinbegleitung zu spielen pflegte, über Frauen gebeugt, die sich vor einem Paulus-Wallfahrtsaltar in Krämpfen wanden. Sie gaben wohl oft nur vor, bei der Feldarbeit von einer Tarantel gebissen zu sein (im echten Bissfall eher von der giftigen Schwarzen Witwe), aber in Wirklichkeit hielten sie die dortige Frauenrolle nicht aus, während die „gebissenen“ Männer depressiv herumsaßen oder sich die Hormone in tobendem Tanz herausschwitzten.

Organetto https://www.youtube.com/watch?v=Tai8QmSzho0

(7) Ich erinnere mich an ein Lexikon aus der Nazizeit (vielleicht einen Volks-Brockhaus aus den 1930ern), in dem der Jazz beschrieben wurde als eine „Negermusik“, die u.a. mit Banjo und Akkordeon gespielt werde. In der Tat hat ausgerechnet das Duke Ellington Orchestra am 22.4.1930 drei schmissige Aufnahmen mit einem Akkordeonisten namens Cornell Smelser eingespielt, einem gebürtigen Ungarn mit klassischer Musikausbildung (1902-93), den wikipedia interessant beschreibt (er nahm u.a. auch mit Jack Teagarden und Jimmy Dorsey auf). Aber Smelser war ein Unikum, von dem die an Details uninteressierten Nazis auch eigentlich nichts gewusst haben können. Noch seltsamer: In New Orleans, der Geburtsstadt des Jazz, gab es wirklich Verbindungen zum Akkordeon. Buddy Bolden (1877-1931), der sogenannte „Erfinder“ des Jazz, lernte Akkordeon, bevor er kurz nach 1900 als Kornettist bekannt wurde, und “Big Eye“ Louis Delille-Nelson (1880-1949), der zuerst Geige und Akkordeon spielte und dann als “the first hot clarinet“ bekannt wurde, hörte den Kornettisten Bolden zuerst in der Band des Akkordeonisten Henry Payton. Da gibt es noch etwas zu erforschen, denn soweit ich mich erinnere, zeigt kein Foto einer frühen Jazz Band ein Akkordeon, und die übliche kleine Band aus der Zeit des Vor-Jazz bestand z.B. aus Mandoline, Gitarre und Streichbass – jedenfalls bei den Garden Parties des kleinen Mittelstands der frankophonen und wohl auch der anglophonen Mulatten von New Orleans. “Big Eye“ begegnete Bolden aber in einer Kneipe am Rand des Bordellviertels “Storyville“. Gab es da seitens der „Gäste“ aus dem internationalen Hafen New Orleans einen Hörbedarf an Akkordeon, nach Ragtime auf dem Schifferklavier?

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